Bau und Betrieb eines überteuerten Wissenschaftshotels

von Gotthilf Steuerzahler, 25.07.2020, 23:52 Uhr

Eine von der öffentlichen Hand getragene Innovationsgesellschaft errichtete auf einem Wissenschaftscampus ein hotelähnliches „Boardinghouse“. Die Bau- und Betriebskosten waren deutlich höher als bei einem Hotel der gehobenen Kategorie. Die Einnahmen aus der Zimmervermietung können die Investitions- und Betriebskosten nicht decken. Die auflaufenden Fehlbeträge müssen von der Innovationsgesellschaft getragen werden und belasteten deren Kerngeschäft.

Die Gesellschaft fördert junge Unternehmen der Bio- und Gentechnologie und aus dem Bereich Life Sciences. Die Innovationsgesellschaft errichtete hierzu Gebäude und betreibt darin ein Gründerzentrum. Das Gründerzentrum vermietet Labor- und Büroflächen vergünstigt an entsprechende Unternehmensgründer und berät bzw. unterstützt diese. Die Innovationsgesellschaft hat die Rechtsform einer GmbH, ihre Geschäftsanteile werden zu 76 Prozent von einem süddeutschen Bundesland gehalten, weitere Beteiligte sind verschiedene Kommunen.

Dementsprechend verfügt das Bundesland in der Gesellschafterversammlung und im Aufsichtsrat über die Mehrheit der Stimmen. Den Vorsitz über den Aufsichtsrat führt ein Vertreter des Wirtschaftsministeriums des Bundeslandes. Die Finanzierung der Gesellschaft erfolgt überwiegend durch Gesellschafterdarlehen. Die Innovationsgesellschaft wies zum Bilanzstichtag 31.12.2018 ein negatives Eigenkapital in Höhe von 10,7 Millionen Euro auf. 

Ein Boardinghouse mit einfachen Zimmern war geplant      

Im Jahr 2010 stellte die Gesellschaft im Aufsichtsrat erstmals das Projekt „Boardinghouse“ vor. Laut Geschäftsführung gab es in der Umgebung nur wenige und relativ teure Hotelzimmer. Gastwissenschaftler der umliegenden Universitätsinstitute sowie Gäste des Gründerzentrums sollten durch das Projekt von Reisekosten entlastet und Reisezeiten minimiert werden. Das zwischen Geschäftsführung und Aufsichtsrat abgestimmte Betriebskonzept sah vor, Zimmer und Suiten des Bauwerks günstig an die auf dem Wissenschaftscampus tätigen Wissenschaftler und Gäste zu vermieten. Das Boardinghouse sollte kostendeckend betrieben werden und den Cashflow der Innovationsgesellschaft nicht belasten. Geplant waren 41 Zimmer einfachen Standards für Langzeitnutzer.      

Die Investitionskosten explodierten      

Nach dem ersten Planungskonzept 2010 sollten die Investitionskosten bei 4,6 Millionen Euro liegen. Im Jahr 2012, am Ende der Entwurfsplanung, gingen die Planer von 8,3 Millionen Euro für 42 Zimmer höheren Standards aus. Die Innovationsgesellschaft ließ die Entwurfsplanung gutachterlich prüfen. Ausgehend von 8,3 Millionen Euro Investitionskosten lagen die Kosten je Zimmer bei 200.000 Euro. Der marktübliche Ansatz für ein Standardhotelzimmer lag damals laut Gutachten zwischen 90.000 und 100.000 Euro. Als Ursache für die hohen Kosten des Wissenschaftshotels benannte das Gutachten die im Planungsverlauf angehobene Qualität des Gebäudes hinsichtlich Zimmerstandard, Gebäudeform und Fassade. Allgemeine Kostensteigerungen während der Bauphase führten schließlich zu Investitionskosten von 9,7 Millionen Euro; dies entspricht 230.000 Euro je Zimmer.

Die Zimmerbelegungsquote lag unter 50 Prozent      

Das fertig gestellte Bauwerk – als Boardinghouse lässt es sich nicht mehr bezeichnen – präsentiert sich als Hotel der gehobenen Kategorie. Es verfügt über 42 moderne Zimmer und Suiten, eine 24-Stunden-Rezeption sowie eine gehobene Gastronomie. Außerdem gibt es komfortabel eingerichtete Empfangs-, Lounge- und Barbereiche. Im Jahr 2018 lag die durchschnittliche Zimmerbelegungsquote wie in den Vorjahren bei unter 50 Prozent. Die Einnahmen aus der Zimmervermietung reichten nicht aus, die Investitions- und Betriebskosten des Wissenschaftshotels zu decken. Bis Ende 2018 summierten sich dessen Jahresfehlbeträge auf 3,7 Millionen Euro. Diese Verluste glich die Innovationsgesellschaft aus dem Cashflow des Gründerzentrums aus.      

Die Baukosten hätten 6,3 Millionen Euro nicht übersteigen dürfen      

Eine hotelfachliche Beratung holte die in der Hotellerie unerfahrene Innovationsgesellschaft während der Planungs- bzw. Umsetzungsphase nicht ein. Ende 2017 beauftragte dann das Wirtschaftsministerium eine auf Hotellerie-Betriebe spezialisierte Unternehmensberatung mit einer ausführlichen betriebswirtschaftlichen Analyse. Die Unternehmensberatung stellte gravierende Mängel bei der Gestaltung und Konzeption sowie der operativen Führung des Wissenschaftshotels fest. Bau- und Finanzierungskosten seien unverhältnismäßig hoch. Selbst bei dem hohen Anspruch eines 4-Sterne-Hotels hätten die Baukosten unter Berücksichtigung der wirtschaftlichen Tragfähigkeit 6,3 Millionen Euro nicht übersteigen dürfen.      

Konsequenzen für die Verantwortlichen?      

Die Innovationsgesellschaft ist durch den Bau und den Betrieb des Wissenschaftshotels finanziell nachhaltig geschwächt worden. Als Kritik laut wurde, hat das Wirtschaftsministerium das Konzept des Wissenschaftshotels halbherzig verteidigt. Weiterhin hat es ausgeführt, dass zielgerichtete Maßnahmen getroffen worden seien, um die Wirtschaftlichkeit des Hotels zu erhöhen. Im Juli 2019 sei ein in der Hotellerie erfahrener Manager eingestellt worden. Dieser hätte ein neues Zukunftskonzept erarbeitet, dessen Ziel eine signifikante Erhöhung der Auslastung sei.

Bau und Betrieb des Wissenschaftshotels belegen, wie eine von der öffentlichen Hand getragene Gesellschaft jedes Augenmaß im Umgang mit Steuergeldern verlor und dass das verantwortliche Wirtschaftsministerium dem nicht entgegentreten ist. Hingegen war bisher nichts davon zu hören, liebe Leserinnen und Leser, dass die für die Geldverschwendung Verantwortlichen Konsequenzen zu befürchten haben, sagt verbittert

Gotthilf Steuerzahler

www.krisensicherinvestieren.com

Dieser Text stammt aus dem kostenlosen Newsletter Claus Vogt Marktkommentar



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