Oliver Krautscheid: Berufswahl zukunftssicher gestalten

von Oliver Krautscheid, 18.02.2020, 18:53 Uhr

Deutschland gehört zu den Ländern, die von der Digitalisierung und dem damit verbundenen Strukturwandel besonders betroffen sind, nun warnt die OECD: Deutschlands Schüler träumten von Berufen ohne Zukunft. Gefragt, welche Berufe sie mit 30 ausüben wollen, antworteten viele mit Berufen, die es in 10 oder 15 Jahren vielleicht nicht mehr gibt – eine strukturelle Herausforderung.

von Oliver Krautscheid

Digitalisierung, digitale Revolution, Klima- und Strukturwandel, die Welt steht vor großen geopolitischen Herausforderungen und Deutschland gehört zu den Industrienationen, die besonders hart getroffen werden könnten(!) – das „könnten“ ist wichtig, denn die Presse unterschlägt es gern (zur Panikmache). Nicht umsonst jedoch haben auch die Wirtschaftsweisen vom „Meistern“ des Strukturwandels gesprochen und die Digitalisierung ist Teil dieses Wandels.

Nun warnt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) jedenfalls in ihrer aktuellen Studie [hier im Original, auf englisch], dass Deutschlands Schüler – obgleich sie so politisch und besorgt um die Zukunft des Planeten sind wie noch nie – sich in ihrer Zukunft in nicht zukunftsfähigen Berufen sehen. Fast die Hälfte der Befragten wünsche sich einen Beruf, den es in 10 oder 15 Jahren bereits nicht mehr geben könnte. Die voranschreitende Automatisierung droht viele „klassische“ Berufe wegfallen zu lassen; gleichzeitig schaffen Automatisierung und Digitalisierung aber auch viele neue Berufe.

Keine Lust auf IT und Angst vor Studium

Problematisch ist jedoch, dass sogar mathebegeisterte Schüler sich nicht nach Berufen in der IT sehen und Schüler mit guten Noten, aber aus sozial schwächeren Familien, sich kein Studium zutrauen. Es scheint, als drohe ein ernster Mangel an Akademikern und IT-Fachkräften – oder die OECD betreibt ebenfalls nur Schwarzmalerei und Panikmache. Zunächst ist festzuhalten, dass die Studie der OECD auf der Pisa-Untersuchung 2018 aufbaut. An dieser nahmen 79 Länder teil, befragt wurden dabei mehr als eine halbe Million Schüler. Für die Auswertung zu den beruflichen Vorstellungen wurden jedoch nur die Daten aus den 41 Ländern genutzt, die sowohl im Jahr 2000 als auch 2018 an Pisa teilgenommen haben – 41 Länder und nicht bloß Deutschland. Dass 15jährige traditionellen Berufsbildern an- oder hinterherhängen, ist also kein rein deutsches Phänomen.

„Obwohl sich die Welt seit der ersten Pisa-Erhebung stark verändert hat, zeigen die Ergebnisse, dass das nur sehr gering auf die Berufserwartungen junger Menschen zutrifft“, erklärte OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher. 47 % der Jungen und 53 % der Mädchen erklärten der im Dezember veröffentlichten Studie nach, dass sie sich in ihrer Zukunft (im Alter von 30) in besonders bekannten Berufen sehen würden. Zu den beliebtesten zählten Lehrer, Manager oder Arzt. An sich Berufe, für die in aller Regel studiert werden muss – dennoch lässt sich der Studie auch entnehmen, dass zum einen IT-spezifische Berufe selten auf dem Plan stehen und überdies Kinder aus sozial schwachen Familien sich in der Regel kein Studium zutrauen, auch wenn die schulischen Leistungen dafür sprechen.

Statistikfehler oder Trumpf: Deutschlands Berufsberatung

Dass sich in Deutschland nur wenige Schüler auf die (global betrachtet) beliebtesten Berufe konzentrieren, liegt nach Einschätzung der Bildungsforscher auch an einer deutschen Besonderheit: Der Berufsberatung. Es ist hierzulande üblich, dass früh Kontakt zu Schülern gesucht und sie über die Berufswelt, die Vielfältigkeit derselben aufgeklärt und beraten werden. Gerade die Schulen vermitteln früh Einblicke in die Arbeitswelt etwa über Praktika. So entdecken Schüler eben auch weniger bekannte Berufe für sich.

Wenn also etwa die WELT (23.1.2020) in der Überschrift behauptet „Deutschlands Schüler träumen von Berufen ohne Zukunft“, stimmt das so nicht! Es stimmt sogar ganz ausdrücklich nicht, wenn der beliebteste Beruf unter Jungen hierzulande mit 6,7 % Informatiker ist. Dies dürfte durchaus ein Beruf mit Zukunft sein. Dass es eben nur 6,7 % sind und nicht 10 % oder mehr, dürfte auch an der Vielfältigkeit der Berufswelt und vor allem dem Wissen der deutschen Schüler um diese Vielfältigkeit liegen. In der Liste der deutschen „Top 10“ tauchen zudem auch „Wissenschaftler“, „Ingenieur“ und „Maschinenbauer“ auf – auch hierbei dürfte es sich um Berufe mit Zukunft handeln, noch und sicherlich auch bald noch, baut keine Maschine eine Maschine ohne das ein Mensch involviert wäre.

Ein(ziges) Problem: Soziale Herkunft bestimmt Aussicht

OECD-Bildungsdirektor Schleicher sagte: „Es ist weder gerecht noch effizient, wenn benachteiligte Schüler mit einer engstirnigen Sicht auf den Arbeitsmarkt und ihr eigenes Potenzial schauen.“

Problematisch ist und bleibt – das ist und bleibt alarmierend –, dass Schüler aus sozial schwächeren Familien sehr engstirnig auf ihre akademische und berufliche Zukunft schauen. Die soziale Herkunft bestimmt also ganz offensichtlich die eigenen Ambitionen, ohne dass die Schule hier effektiv gegensteuern kann. Es ist also nicht die Leistung, die entscheidet, denn leistungsstarke Schüler aus besseren Verhältnissen nannten im Schnitt viermal häufiger ambitionierte und mit höherer Bildung verbundene Berufe als Ziel als Schüler mit zwar vergleichbaren Leistungen aber aus benachteiligten Verhältnissen.

Hier gilt ganz klar, der Staat muss zusammen mit der Wirtschaft gegensteuern. Leistung muss belohnt werden, Leistungsbereitschaft und Talent gefördert, und Schüler aus sozial schwachen oder sonst benachteiligten Familien müssen fit für eine sich gewandelte Arbeitswelt gemacht werden. Einen Strukturwandel hat Deutschland mehr als einmal durchgestanden und mit unserem Können und einem entschiedenen Wollen, schafft es das auch wieder.

Was ist dran: Träumen Deutschlands Schüler wirklich von Arbeitslosigkeit?

Die OECD-Bildungsexperten warnen zudem, dass „39 Prozent der genannten Berufe in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren davon aus, dass sie durch Automatisierung wegfallen könnten“ (so SPIEGEL Online, 22.1.2020). Bildungsdirektor Schleicher erklärte dazu, „in vielerlei Hinsicht scheinen die Signale des Arbeitsmarktes junge Menschen nicht zu erreichen.“ So seien in Deutschland, aber auch Japan, etwa 45 % der von den Schülern genannten Berufe aus Sicht der OECD-Experten vom „Aussterben“ binnen der nächsten 10 bis 15 Jahre bedroht.

Hierbei wird aber vergessen, dass alles im Wandel ist und mit dem definitiven Wegfall bestimmter Jobs auch neue entstehen werden, zum Teil auch sicherlich Berufe über die heute 15jährige genauso wenig nachdenken wie heutige Jobmessen es anbieten. Diesen Wandel als bereits vollzogen und deutsche Schüler als quasi schon verloren zu betrachten, ist Unsinn.

Jobkiller Automatisierung tobt bereits seit 200 Jahren

Die Debatte um den „Jobkiller“ Automatisierung tobt im Kern seit zweihundert Jahren. Angefangen bei den frühindustriellen Aufständen der Weder im 18. und 19. Jahrhundert, über die „Jobkiller Computer“-Slogans der 70er Jahre des 20. Jahrhundert bis zur viel diskutierten These von Osborne und Frey 2013, wonach jeder zweite Arbeitsplatz an Maschinen fallen wird. Hier wird ein Glaubenskrieg zwischen Optimisten und Skeptikern geführt und häufig vergessen, dass solcher Wandel in der Regel eben nicht von heute auf morgen passiert.

Wer jedoch wissen will, ob sein Beruf noch zukunftsfähig ist oder im Zuge der Digitalisierung weg- bzw. an Maschinen fällt, kann das mit einem OECD-Tool hier überprüfen.

Über Oliver Krautscheid
Oliver Krautscheid betreibt das Wirtschaftsportal: https://www.oliver-krautscheid.com/oliver-krautscheid und das neue deutsche Internetportal für Drohnenenthusiasten: https://www.dronestagram.de. Der Autor ist erreichbar unter oliver@krautscheid.ch



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